Das erste „Date“ mit dem Kastanienhof hatte Renate Bewig schon vor über 25 Jahren. Damals war allerdings noch nicht abzusehen, ob und wann aus dem Kennenlernen eine „Partnerschaft“ wird. Folgenreich war auch eine weitere Begegnung: Nach ihrem Einzug in den Wohnpark ergab sich vor Ort eine Namensgleichheit mit einer anderen Bewohnerin. Gibt es verwandtschaftliche Bande? Die beiden Frauen sind nun auf der Suche nach den Ahnen.
„Das war schon eine besondere Situation“, erzählt Renate Bewig, die im Herbst 2025 in den Kastanienhof gezogen ist. „Besuch für mich hatte sich an der Rezeption angekündigt.“ Die rief bei der Bewohnerin an und avisierte den Gast. Die angerufene Frau Bewig kam ins Foyer und kannte die dort Wartende aber nicht. Im Gespräch stellte sich schnell heraus, dass die Dame nicht zu Ilse Bewig, sondern zu Renate Bewig wollte. „Ich kannte Ilse Bewig auch nicht. Dass wir namentlich verbandelt sind, stellte sich erst vor Ort beim Kennenlernen im Kastanienhof heraus, denn Ilse Bewigs Ehemann kam aus demselben Dorf, in dem ich mit meiner Mutter und meinem Bruder in den letzten Monaten des Krieges gewohnt habe. Vorher waren wir uns nie begegnet. Nun haben wir regelmäßig Kontakt.“
So nah das jetzige Zuhause der beiden Frauen beisammen liegt, so unterschiedlich sind dagegen ihre Lebensgeschichten. Begonnen haben allerdings beide in Hannover, verknüpft mit den Widrigkeiten und den Folgen des Krieges. 1937 geboren, begann für Renate Bewig eine Schulzeit, die sehr wechselvoll war. Da gab es auch mal eine einjährige Auszeit wegen der Bombenangriffe und der Zerstörung der Schulgebäude. Später folgten sogenannte Notklassen. „Ab 1948 habe ich dann die Oberschule für Mädchen, die Wilhelm-Rabe-Schule in der Südstadt, besucht – mit Schicht-Unterricht: morgens die Mädchen, nachmittags die Jungs oder umgekehrt.“
Auch ihre familiäre Situation war nicht einfach. Mit drei Jahren starb ihr jüngerer Bruder. Drei Jahre später, 1950, ihr Vater. „Dazu kam, dass ich mich auf der Mädchenschule nicht wirklich wohl fühlte, weil der Unterricht naturgemäß auf das Erreichen des Abiturs zugeschnitten war. Ich verließ die Schule und besuchte die zweijährige Städtische Handelsschule. Daneben ging es an jedem Samstag ein Jahr lang in die Städtische Hauswirtschaftsschule Im Moore (die Pudding-Akademie) – damals für Mädchen Pflicht“, so Renate Bewigs Blick zurück.
Als ausgebildete Stenotypistin startet sie den Einstieg ins Berufsleben bei der Niedersächsischen Landesbank. 1957 verabschiedete sich die junge Fau für einige Zeit von Hannover und brach nach Schweden auf. „Ich habe mich selbst darum beworben und in Göteborg bei einer Familie als Hausangestellte gearbeitet. Am Anfang konnten wir uns nur mit Händen und Füßen verständigen. Vor Ort habe ich dann Schwedisch gelernt. Die Zeit war für mich sehr wertvoll. Und der Kontakt besteht noch heute.“






Zurück in Hannover, war die agile Seniorin bei verschiedenen Unternehmen tätig: bei einer Wülfeler Firma im Einkauf, beim DGB in der Rechtsabteilung, bei einer Industriegewerkschft – zuletzt als Vorstandsekretärin. Renate Bewigs berufliche Entwicklung fußte unter anderem auf zahlreichen Zusatzqualifikationen, die ihr immer wieder wichtig waren: diverse Sprachkurse, die langjährige Mitgliedschaft im Stenographenverein Hannover, die Hohe Schule der Chefsekretärin, …
„Mir ging es schon als junges Mädchen darum, Geld zu verdienen, da wir nie welches hatten. Und ich wollte als Frau eigenständig und unabhängig sein.“ 1996 folgte dem Berufsleben der Vorruhestand, 1997 der reguläre Rentenbeginn, für mehrere Jahre die Pflege der Mutter und die Kümmernisse, die mit einem geerbten, alten Mehrfamilienhaus verbunden sind. „Das war mir dann irgendwann zu viel, der Verkauf eine pragmatische Folge und der Umzug 2011 in eine Mietwohnung in Wülfel damals die beste Entscheidung.“
Es folgten Jahre mit zahlreichen Reisen. „Mit 75 war ich mit Freunden zum 75-jährigen Jubiläum der Golden-Gate-Bridge in den USA, habe auch England, Irland und Italien bereist und per Kreuzfahrten das östliche und westliche Mittelmeer und zahlreiche Städte kennengelernt.“
Doch wie kann bzw. soll es mit zunehmendem Alter weitergehen, wenn sich Lebensumstände ändern und es keine Angehörigen gibt? Diese Frage stellte sich Renate Bewig erstmals sehr vorausschauend schon in sehr jungen Jahren. Gemeinsam mit einer Freundin ging sie auf Erkundungstour. Bereits Ende der Neunziger Jahre schaut sie sich mit einer Freundin aus purer Neugier den Kastanienhof an.
So ganz aus dem Kopf gekommen war ihr die Residenz wohl nicht. Eine Erkrankung ließ dann ihre Überlegungen für ein passendes Zuhause wieder aufleben. Renate Bewig nutzte Anfang 2025 eine Info-Veranstaltung, um sich über das aktuelle Angebot zu informieren und bekundete per Eintrag in die Wartedatei ihren Einzugswunsch für ein Zweizimmer-Appartement. Schon im April kam der Anruf zu einer freien Wohnung. „Da musste ich nicht lange überlegen. Denn klar war, hier kann ich selbstbestimmt nach meinem Rhythmus leben, aber auch Unterstützung und Hilfe abrufen, wenn ich sie brauchen sollte. Besonders wichtig war mir auch die perfekte Verkehrsanbindung, denn ich bin noch viel außer Haus unterwegs.“
Mit Opern- und Konzert-Abo steht Kultur auf dem Plan. Um im Kopf und mit dem Körper fit zu bleiben, geht die 89-Jährige regelmäßig zum Pilates und zu einem Englisch-Kurs. „Doch auch im Kastanienhof nutze ich natürlich verschiedene Angebote. Bei Foyer-, Opern- und Grillabenden, dem Literatur-Café und bei diversen Vorträgen bin ich gern dabei. Und wenn ich nicht selbst kochen möchte, gehe ich in die „Kastagnette“ essen bzw. nutze auch das Frühstücks- oder Kuchenangebot.
Und dann sind da nun auch noch die Treffen mit der spät endeckten
„Namens-Verwandten“ Ilse Bewig. Es bleibt also weiter spannend.